Kornalter

© Ulrich Kulp, Mai 2005

Er streifte das Strohkostüm wieder ab und auch seine Kleider, bis er nackt vor dem Spiegel stand. Ein Greis, dessen Muskeln schlaff geworden waren und dessen Haut faltig um die alten Knochen hing. Seine Augen aber strahlten. Er würde sich die Würde zurückgeben, die ihm zustand. Er nahm den Stacheldraht und wickelte sich darin ein - vom Kopf bis zu den Füßen. Die Rüstung schmerzte und er sah Blut an sich herablaufen aus zahlreichen kleinen Wunden. „Gut so“, dachte er. Eine Dornenkrone reichte nicht mehr. Es musste und es würde noch viel mehr bluten, wenn er erst tanzte und den Leuten ins Gesicht schrie: „Hört auf zu lachen!“

Ausschnitt aus „Kornalter“ (CD: „Höhen & Tiefen“)