Die Möwe

© Ulrich Kulp, November 2006

Sie flog wie alle Möwen: perfekt. Kein Lebewesen sonst, dachte er, hat diese Leichtigkeit. Zwei, drei unwesentliche Flügelschläge reichen ihr zum Abheben, ob sie vom Wasser oder vom Land startet. Danach ist die Erdanziehung außer Kraft, ob die Möwe über Wellen gleitet oder weit über den Dünen unter den Wolken segelt. Sie hängt im Wind, als würde ein anderer, ferner Planet sie mit der gleichen Kraft von oben anziehen wie die Erde von unten und damit die Gravitation ausgleichen. Sie ist schwerelos.

Er hatte sie in allen Fluglagen beobachtet, stundenlang, immer wieder. Eine bittersüße Erfahrung. Wundervoll, eine solche Vollkommenheit genießerisch betrachten zu können, und niederschmetternd, selber am Boden bleiben zu müssen, schwer und ungelenk wie ein Schrank.

Ausschnitt aus „Die Möwe“ (CD: „Wind“)